|
|
 |
 |
 |
DIE BÖN-TRADITION
Vor dem Aufkommen des Buddhismus war Bön die Religion Tibets. Heute unterscheiden wir drei
verschiedene Formen des Bön: die älteste war eine schamanistische Form, dann gibt es den Yungdrung
Bön, und erst viel später entwickelte sich eine neuere Form des Bön.
Wie in vielen Teilen der Welt war der Schamanismus die ursprünglichste Religion Tibets. Die Rituale
waren vielfältig, stark verknüpft mit den lokalen Glauben, speziellen Gebräuchen und Gottheiten mit
regionalen Unterschieden. Diese Bräuche wurden Bön genannt, und die Priester, die diese
schamanistischen Rituale durchführten, hiessen Bönpos.
|
 |
Gemäss der Tradition der Yungdrung Bönpos geht ihr Ursprung auf den
erleuchteten Meister Tönpa Schenrab Miwoche zurück. Er lebte um 3000 v.
Chr. im Land Öl-mo Lung-ring und für die Bönpos ist sein Status mit dem
des Buddha Sakyamuni im Buddhismus vergleichbar. Die Bönpos glauben,
dass der Gründer des Buddhismus, Buddha Sakyamuni, Tönpa Schenrabs
Schüler Tamba Thoka war. Dieser erhielt alle Unterweisungen, Einweihungen
und Überlieferungen von Tönpa Schenrab und wurde darauf nach Indien
gesandt, um dort die damals vorherrschenden falschen Ansichten zu
korrigieren. Aus diesem Grunde schenken die Yungdrung Bönpos den
eigentlichen Lehren des Buddha Sakyamuni Glauben und respektieren ihn.
Es gibt nur drei geschriebene Texte, die Schenrabs Biographie erzählen.
Die früheste und kürzeste Biographie ist der Dodu - eine Übersetzung
aus der Zhang-zhung Sprache. |
Die zweite heisst Zermik; sie bildet einen wichtigen Text des Bön-Kanons und ist die wichtigste der
drei Biographien, während die dritte Zhiji heisst. Dieser Text gilt als mündliche Überlieferung und wurde
in einer epischen Form geschrieben. Es heisst, dass Tönpa Schenrab mit zwei Brüdern zusammen die Bön
Doktrin zuerst im Himmel studierte; dann fragten sie den Gott des Mitgefühls, Schenlha Ökar,
wie sie den Wesen, die im Elend stecken und erbärmlich leiden, helfen könnten. Auf Grund seiner Antwort
wurde Tönpa Schenrab zum Lehrer dieser Weltepoche und legte die Lehren dar.
|
 |
Der Legende nach vereinigte der König Nyatri Tsenpo im Jahre 127 v.Chr. verschiedene kleinere Königs-
reiche zu einem Land, und dies war der Anfang von Tibet. Unterschiedliche Quellen geben an, dass Nyatri
Tsenpo ein König aus Indien war, der eine Schlacht des großen Mahabharata-Epos verlor und dann nach
Tibet floh; andere kanonische Texte sprechen von einer wundersamen Erscheinung aus dem Himmel.
Wie dem auch sei, Nyatri Tsenpo war der erste historische König von Zentraltibet, und unter seiner
Herrschaft wurden viele kleine Königtümer vereinigt.
Zu jener Zeit existierten viele solche Königreiche in der Gegend, die heute als Süd- und Zentralasien
bekannt ist; eines davon war Zhang-zhung. Aus Zhang-zhung wurden Weise nach Zentraltibet
eingeladen, und deren Lehren sowie der ganze Kanon von Tönpa Schenrab Miwoche wurden zu jener
Zeit übersetzt.
Die ersten Bönschriften kamen aus Zhang-zhung, und gewisse Texte wurden zur Zeit des zweiten Königs
Mutri Tsenpo übersetzt. Im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung eroberte König Songtsen Gampo Zhang-
zhung, und das Land sowie die Sprache verschwanden allmählich.
Als Ganzes ist Yungdrung Bön unverändert geblieben, wenn es auch zu einigen Anpassungen kam.
Bön selbst hat einige fremde Elemente, wie z.B. die persische Kosmologie, adaptiert bevor es in Zhang-
zhung in Erscheinung trat. Im 7. Jahrhundert war Tibet eine dominierende militärische Macht in Zentral-
asien und versuchte auch Gegenden zu beherrschen, die bereits buddhistisch waren. Daher hatte die
tibetische Bön-Kultur Kontakt mit grundlegenden Gedanken der indisch-buddhistischen Philosophie
wie z.B. das Gesetz von Ursache und Wirkung, die zyklische Existenz und ein Zustand jenseits allen
Leidens - und hat einige dieser Prinzipien übernommen.
Historisch betrachtet hat die Bön-Religion zwei Verfolgungen erlitten (ohne die chinesische Kultur-
revolution zu zählen, die von Bönpos als die dritte bezeichnet wird): Die erste geschah während der
Herrschaft des 7. Königs, Drigum Tsenpo, doch anschließend wurde die Tradition wieder zum Leben
gebracht und genoss die Gönnerschaft der nachfolgenden Könige. Im 8. Jahrhundert n.Chr., zur Zeit des
Königs Trisong Detsen, war die Tradition mit einer zweiten Verfolgung konfrontiert: mit dem Aufkommen
des ersten buddhistischen Klosters in Samye und der offiziellen Anerkennung des Buddhismus als
tibetischer Staatsreligion erlitten die Bönpos einen weiteren Rückschlag und tauchten unter. Um sie vor
der Zerstörung zu bewahren, wurden alle Texte versteckt, und einige Priester konvertierten aus Angst
zum Buddhismus, zum Teil jedoch ohne religiöse Überzeugung. Fast alle historischen Werke der Bön,
und sogar einige buddhistische Texte, erwähnen eine offizielle Verfolgung des Bön im späten
8.Jahrhundert. Über die Entwicklung des Bön zwischen dem 9. und 11.Jahrhundert ist sehr wenig bekannt.
Das Wiederaufkommen und die Wiedereinführung des Bön wird Schendschen Luga zugeschrieben,
der im Jahre 1017 eine beträchtliche Anzahl der versteckten Texten wiederfand. Mit seiner Entdeckung
lebte die Bön Tradition als eine komplette, systematisierte Religion wieder auf.
|
 |
Schendschen Luga hatte eine große Gefolgschaft, der er die drei verschiedenen Traditionen der
Kosmologie und Metaphysik, der Lehre und Praxis sowie die tantrischen Lehren anvertraute. Um die
Tradition zu studieren und zu praktizieren wurden zu dieser Zeit die ersten Bön Klöster gebaut. Diese in
der Nähe von Schigatse Yeru gelegenen Klöster waren Wensakha (durch eine Flut 1386 zerstört, darauf
durch Menri ersetzt), Kyikhar Tisching und Zangri. Da die Bön-Gemeinschaften eher klein waren, stellten
sie nie eine Gefahr für die institutionalisierten buddhistischen Traditionen dar und konnten sich daher in
Tibet wieder etablieren. Später folgten andere Klöster in Khyungpo, Kham, und Amdo (alles in allem über
330), während die obengenannten bis zur chinesischen Besatzung in 1959 die wichtigsten Bön-Klöster
blieben. Mit der chinesischen Invasion erlitt jedoch die Bön-Tradition - wie auch die anderen spirituellen
Traditionen - einen nicht mehr gutzumachenden Verlust.
Die Kosmologie der Bön ist sehr komplex und beinhaltet tausende von Gottheiten. Sie erklärt auch der
Ursprung des Universums. Die Himmel werden von vielen Gottheiten bewohnt, und die Struktur des
Pantheons ist extrem komplex. Jedes tantrische Ritual hat seine eigene Gruppierung von Gottheiten:
friedlichen, zornigen und wütenden, während andere Beschützer sind.
Das Hauptziel des Studiums und der Praxis des Bön ist das Erlangen der Erleuchtung. Dies bedeutet
die Läuterung der Obstruktionen und der Hindernisse im Geist für das Wohlergehen anderer.
Die Grundlagen dafür sind das Mitgefühl und die Hinwendung zum Erleuchtungsgeist (Bodhicitta).
So wie Tönpa Schenrab gelehrt hat, beziehen sich die ersten vier der oben erwähnten Neun Wege auf
das Wohlergehen in diesem Leben, z. B. Heilen, Medizin, Astrologie und Wahrsagung, während die
anderen fünf die wesentlichen Übungen für das Erreichen des letztendlichen Zieles, nämlich der
Erleuchtung, enthalten.
Der Abt von Menri war traditionell der aufeinanderfolgende Bewahrer der gesamten Überlie-ferungen und
Lehren aller Bön-Linien, und nach und nach wurde er als das Oberhaupt der Bön-Tradition angesehen.
Heute ist die Yungdrung Bön Tradition, mit der Unterstützung Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas,
nach dem erfolgreichen Wiederaufbau des Menri Ling Klosters in der Nähe von Solan in Himachal
Pradesh, Indien, wieder etabliert und immer noch lebendig. Zudem gibt es noch andere Klöster und
Lernzentren in Indien und Nepal.
Die dritte Tradition ist eine veränderte und neuere Form des Bön. Diese entwickelte sich durch eine
Verbindung von Buddhismus und Bön-Philosophie. In den Worten von Lopön Tenzin Namdak: "Zur Zeit
des Königs Trisong Detsen wurden viele Schriften und Anweisungen sowohl der Bön-Tradition als auch
indisch-buddhistischer Herkunft von Vairotschana gesammelt und zusammengefasst. Der König war mit
dem Vermischen der Traditionen nicht einverstanden. Er wollte einen klaren und reinen Buddhismus,
ohne den Einbezug einer anderen Tradition. Da diese Texte und Schriften nicht erlaubt waren, wurden sie
versteckt und erst im 14 Jh. wieder entdeckt. Diese Texte werden terma genannt und es gibt sie immer
noch. Würde jemand fragen, zu welcher Tradition diese Texte gehören, müsste man sie als Bön-Texte
bezeichnen. Ihr Ursprung ist jedoch nicht traditionell Bön, doch ebenso wenig sind sie Nyingma.
Diese Texte unterscheiden sich in Bezug auf Ursprung und Kontext. Aus diesem Grund wird diese
neue Tradition, die eine Mischung von altem Bön und Buddhismus darstellt, als Neuer Bön
(Bönpo Sarma) bezeichnet."
|
|
|
|