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DIE NYINGMA-TRADITION
Die erste buddhistische Tradition, die sich in Tibet etablierte, hat ihren Ursprung im indischen Gelehrten
und Meister Guru Padmasambhava, auch besser bekannt als Guru Rinpotsche. König Trisong Detsen
hatte den tantrischen Meister im Jahre 817 auf Anraten des grossen indischen Abts Schantarakschita
nach Tibet eingeladen, um die negativen Kräfte, welche die Einführung des Buddhismus behinderten,
zu bändigen. Nach seiner Ankunft in Tibet gelang es Guru Rinpoche, in vielen Gegenden die feindseligen
Geister an ein Gelübde zu binden, und von da an breitete sich der Buddhismus in Tibet aus.
Vor dem Eintreffen Guru Rinpotsches gab es zwar einige buddhistische Texte und Überlieferungslinien,
doch keine organisierte Mönchs-gemeinden in Tibet. Zusammen mit Schantarakschita gründete er das
erste Kloster, Samye, welches sich zum wichtigsten Lehrzentrum entwickelte.
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Um die Grundlagen für sutrische und tantrische Lehren zu schaffen,
gab der König Anweisung, die buddhistische Doktrin sei aus dem Sanskrit
ins Tibetische zu übersetzen. Dies war der Anfang der umfangreichen
buddhistischen Literatur Tibets. Während den nächsten zwei Jahrhunderten
war dies die einzige buddhistische Tradition in diesem Land, bis im 11.Jh.
eine neue Woge von Lehren und Übersetzungen - wiederum inspiriert von
indischen Gelehrten und Yogis und basierend auf deren Lehren
- nach Tibet gebracht wurde. Dies ist der Grund dafür, dass diese erste
Phase von Übersetzungen heute als die Alte, oder in Tibetisch Nyingma,
bezeichnet wird und die Anhänger dieser Periode als genannt
werden. Nachdem Guru Rinpoche die widrigen Geister gebändigt hatte,
gab er weit herum Unterweisungen und tantrische Einweihungen,
allen voran an seine fünfundzwanzig Hauptschüler. Einige dieser Anhänger,
so zum Beispiel seine Lebensgefährtin Yesche Tsogyal, wurde bekannt für
ihre spirituelle Verwirklichung, während andere, wie z.B. Vairotschana,
aussergewöhnliche Übersetzer waren.
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Unter diesen fünfundzwanzig Hauptanhängern fanden sich auch die ersten sieben buddhistisch-
tibetischen Mönche. Nachdem die klösterliche Tradition eingeführt war, kamen andere zeitgenössische
indische Meister nach Tibet, unter anderen Vimalamitra, Shantipa, und verbreiteten tantrische
Lehren,während Vairotschana nach Indien gesandt wurde, um die Grosse Vollkommenheit unter Sri
Simha zu studieren. Obschon zu jener Zeit das Studium der Logik und der buddhistischen Philosophie
noch nicht stark verbreitet war, wurde doch die Praxis des Tantra im Geheimen sehr eifrig betrieben.
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Guru Rinpoche erkannte, dass die meisten seiner Anhänger entweder nicht bereit oder nicht in der Lage
waren, die Tiefen der Lehren zu begreifen. Um das Fortbestehen der Tradition in naher wie ferner
Zukunft sicherzustellen, versteckten er und seine fähigsten Anhänger hunderte von Texten, Reliquien
und Überlieferungen. Wenn später Meister mit besonderen Fähigkeiten diese Gegenstände und Texte zu
vorbestimmten Zeiten wieder zu Tage förderten, wurden diese als "aufgedeckte Schätze" oder Termas
bezeichnet. Termas wurden später von hunderten von Meistern zu Tage gefördert und an ihre Schüler
überliefert. Darum werden innerhalb der Nyingma-Schule die tantrischen Lehren in zwei verschiedenen
Hauptsystemen übermittelt: die lange Übertragung vom Meister auf den Schüler in einer ununter-
brochenen Linie seit der Zeit von Guru Rinpoche, und die kurzen Linien der Termas.
Die meisten Nyingma-Gelehrten sind sich einig, dass Guru Padmasambhava 55 Jahre und 6 Monate in
Tibet weilte. Während dieser Zeit gab er sehr viele Unterweisungen und meditierte in verschiedenen
Höhlen und an einsamen Orten im Bereich des Himalaja in Abgeschlossenheit. Es heisst, dass der
Meister Padmasambhava dann Tibet in Richtung des mystischen Landes C_maradv_pa, dem
'kupfergefärbten Berg' verliess und immer noch dort weilt.
Nach dem Wegzug von Guru Rinpoche erlebte der Buddhismus in Tibet eine Blütezeit.
Während der Herrschaft von Ralpachen wurde ein Dekret erlassen, wonach jeder siebente Haushalt einen
Mönch unterstützen musste. Zudem wurden viele Tempel gebaut. Nach dem Ableben von Ralpachen
übernahm jedoch sein Bruder Lang Dharma das Zepter und verfolgte die Anhänger der buddhistischen
Lehre bis er ermordet wurde. Die nachfolgenden Könige liessen die buddhistische Tradition wieder
aufleben. Die Geschichte, Entwicklung und Nachfolge der Linien der Nyingma ist sehr stark mit den
aufeinanderfolgenden Entdeckungen der Termas verknüpft. Jeder Meister gab die von ihm offenbarten
Schätze an seine Anhänger, die diese 'neuen' Übermittlungen weiterreichten. Unter den hunderten von
Meistern, die solche Schätze offenbarten, sind die wichtigsten die sogenannten 'fünf Könige der Terma
Meister': Nyangräl Nyima Öser (1124-92), Guru Tschöwang (1212-70), Dorje Lingpa (1346-1405),
Pema Lingpa (1450-?) und Khyentse Wangpo (1820-1892). Die durch sie offenbarten Texte enthalten
vollständige Zyklen von Lehren, Einweihungen und Meditationen.
Da einige dieser Übermittlungslinien vor längerer Zeit offenbart wurden, andere jedoch später,
werden Termas an Hand einer fernen oder nahen Linie klassifiziert. In der Nyingma Tradition gab es
- und gibt es auch heute noch - viele grosse Lamas und Entdecker von Termas (sogenannte Tertöns).
Zu den 'nahen' Tertöns gehören Terdag Lingpa, der Gründer des Klosters Mindroling, der Grosse Fünfte
Dalai Lama, Jigme Lingpa, Tschogyur Detschen Lingpa, Jamyang Khyentse Wangpo, Jamgön Kongtrul
Lodrö Thaye, Patrul Rinpotsche, Mipham Rinpotsche, und vor kurzem Dudjom Rinpotsche (1904-87)
sowie Dilgo Khyentse Rinpotsche (1910-91).
Neben diesen aussergewöhnlichen tantrischen Praktikern, die meditierten und Schätze offenbarten,
gibt es in der Nyingma-Tradition auch viele grosse Gelehrte. Unter den bedeutendsten Lamas und
Schriftstellern befinden sich Longtschen Rabjam (1308-1363), Minling Tertschen (1646-1714),
sein Bruder Minling Lotschen Schakya Schri (1654-1718) sowie Mipham Rinpoche (1846-1912).
Longtschen Rabjam war ein Yogi, ein unvergleichlicher Weiser und der wichtigste aller Nyingmapa-
Gelehrten. In seinen Schriften sind die schwierigsten und tiefgründigsten Lehren sowie die Praxis
der neun Fahrzeuge klar und verständlich erklärt. Er verfasste viele Kommentare und organisierte alle
bis zu seiner Zeit offenbarten Termas in der wichtigen Sammlung der Hundert-tausend Nyingmapa-
Tantras. Seine bedeutendsten Werke sind bekannt als die Sieben Schätze (Dzö dün), die drei Zyklen
der Entspannung (Ngalso Korsum), die drei Zyklen der natürlichen Befreiung (Rangdröl Korsum),
und die drei Inneren Essenzen (Yangtig Namsum).
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Bis ins 12. Jahrhundert gab es, abgesehen von der ältesten klösterlichen Institution Samye in Zentral-
tibet, keine grösseren Nyingma-Klöster. Dann wurden das Kloster Surupa in Zentraltibet und das Kloster
Kathok (1159) in Kham gegründet. Ab dem 15. Jh. wurden dann folgende grosse klösterliche
Universitäten gebaut, die als die Haupt-klöster der Nyingma-Schule gelten: Mindroling (1676) und Dorje
Drag (1659) in Zentraltibet, Palyul (1665), Dzogtschen (1685) und Schetschen (1735) in der Provinz
Kham und Dodrubtschen in Amdo. Die meisten dieser Hauptklöster hatten Zweigklöster und Tempel in
anderen Teilen Tibets.
Im 19. Jahrhundert leitete Jamyang Khyentse Wangpo, einer der fünf Könige der Offenbarer von
Schätzen, zusammen mit Jamgön Kongtrul, Patrul Rinpoche und Shabkar Rinpoche eine
nichtsektiererische Bewegung ein, die als als Rime bekannt wurde. Diese Lamas, selber authentische
Meister, Gelehrte und verwirklichte Yogis, sammelten Lehren in allen Gegenden von Tibet und von
Meistern aller Traditionen. Die Rime-Bewegung entstand zu einer Zeit, als viele spirituelle Linien am
Rand des Aussterbens waren, und war eine Antwort auf eine sehr enge Auslegung der buddhistischen
Doktrin, in der Sektierertum und Streitereien vorherrschten. Rime hatte auch einen sehr starken Einfluss
auf die Einheit, Unversehrtheit und Lebendigkeit des tibetischen Buddhismus. So wurde diese Form des
Buddhismus vor dem Absinken in einen Sumpf doktrineller Streitereien, weit entfernt von spiritueller
Realisierung und reiner Wahrnehmung, bewahrt. Deren Erbe dient noch heute allen Traditionen.
Die grundlegenden Lehren wurden in grösseren Sammlungen zusammen gefasst, so zum Beispiel
Jamgön Kongtruls Fünf Grosse Schätze, und der Schatz der wiederentdeckten Lehren (Rinchen Terdzö)
in dreiundsechzig Bänden.
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