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DIE SAKYA-TRADITION
Die Sakya-Tradition hat ihren Namen vom Ort des ersten Klosters, welches in der Tsang Provinz im
oberen Zentraltibet gebaut wurde, und bedeutet graue Erde. Die Sakya Linie ist eng mit der Khön-
Ahnenlinie verbunden, deren Gründer Khön Köntschog Gyalpo (1034-1102) ist. Ihm wird nachgesagt,
dass er von himmlischen Wesen abstammt. Die gesamte Übermittlungslinie wurde bis zum heutigen
Tag vollständig weitergereicht. Die Sakya-Tradition gehört zur Tradition der Neuen Übersetzungen,
deren Linie erst nach der Wiederbelebung des Buddhismus im 11. Jahrhundert in Tibet eingeführt wurde.
Diese Texte sind Teil der zweiten Woge von Übersetzungen indischer Originaltexte, die durch den
grossen Übersetzer Rintschen Sangpo (958-1055) eingeleitet wurde.
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Der indische Mahasiddha Virupa ist der ursprüngliche Hauptmeister,
auf den die Sakya-Tradition ihre dokrinelle Sicht und Linien zurückverfolgt.
Virupa lebte von 837-909 n.Chr., und es heisst, er habe die Verwirklichung
897 erlangt. Virupa wurde wahrscheinlich in eine königliche Familie geboren,
doch von frühester Kindheit an nahm er die zyklische Existenz als von
Leiden erfüllt wahr. Er entsagte dem weltlichen Leben und wurde Mönch an
der grossen Universität von Nalanda. Er war sehr intelligent, und nachdem
er ein grosser Gelehrter geworden war, wurde er zum Abt von Nalanda
gewählt. Tagsüber lehrte er über Mahayana, debattierte und schrieb Ab-
handlungen, die Nacht verbrachte er in Praxis und Meditation. Seine haupt-
sächliche Meditation war das Yoga von Hevajra und die Anweisungen,
die er befolgte, waren die Lehren des LamDre (der Weg und das Resultat).
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Aus diesem Grunde beruhen die hauptsächlichen Praktiken der Sakya-Linie sowohl auf den Yogas des
Mandalas von Hevajra als auch auf den LamDre-Lehren.
Nachdem er die Verwirklichung erlangt hatte, verliess er das Kloster und wurde zum Mahasiddha.
Er vollendete die Quintessenz der drei Körbe (Tripitaka) Vinaya, Sutra und Abhidharma sowie die
tantrischen Lehren. Er verband diese in einem kurzen Text, der als die 'Vajra-Worte' bekannt ist und
den Urtext des LamDre darstellt. Er beinhaltet den Wesenskern der ganzen Lehre des Buddha und wurde
bis zum heutigen Tag an Schüler weitergegeben. Virupas Hauptschüler Krishnapa erhielt die Linie und
gab diese weiter an Damarupa, der sie an Avadhutipa weitergab, seines Zeichens Lehrer von Gayadhara.
Diese fünf werden als die fünf indischen Meister bezeichnet.
Gayadhara war der Lehrer des grossen Übersetzers Drogmi Lotsawa (992-1072), der die LamDre-Lehren
und somit die Tradition in Tibet einführte. Khön Köntschog Gyalpo wurde dann der Linienhalter der
LamDre-Lehren, und nach der Gründung des Sakya Klosters blieb die Übermittlungslinie innerhalb
dieser Tradition.
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Khön Köntschog Gyalpos Sohn, Satschen Kunga Nyingpo, war ein Mensch mit aussergewöhnlichen
Fähigkeiten und spiritueller Realisierung. Er hielt alle Linien der tantrischen und sutrischen Lehren von
Virupa inne. Kunga Nyingpo hatte vier Söhne, alle Gelehrte, visionäre Praktizierende oder grosse
Meister. Von da an sind die Linienhalter von Virupas LamDre-Lehre in Tibet innerhalb der Familien-
struktur der Sakya geblieben.
Der Enkel von Satschen Kunga Nyingpo war der berühmte Sakya Pandita Kunga Gyaltsen (1182-1251).
Sakya Pandita studierte alle wichtigen Fachgebiete der tibetischen Wissenschaften sowie buddhistische
und nichtbuddhistische Philosophie mit unzähligen indischen, nepalesischen, kaschmiri und tibetischen
Meistern und beherrschte alle Aspekte der Lehre. Seine berühmtesten Werke, der Schatz der Logik über
die endgültige Erkenntnis wie auch die Unterscheidung der drei Gelübde sind bis zum heutigen Tag
bekannt und geschätzt.
Zu Beginn des 13. Jh. bedrohte der Führer der Mongolen, Dschingis Khan, die westlichen Grenzgebiete
von Zentralasien und China. Im Jahre 1239 fiel sein zweiter Sohn, Godan Khan, in Tibet ein und kam
bis auf 80 km an Lhasa heran. Godan Khan war so beeindruckt von Sakya Panditas spiritueller Präsenz,
dass er ihn zu Unterweisungen in die Mongolei einlud. Dies begründete die Schirmherr-Priester
Beziehung zwischen den Mongolen und den Sakyapas. Diese Regelung wurde über die folgenden
Generationen weiter gepflegt und dauerte über 100 Jahre. Godans Sohn, Kublai Khan,
war ein begeisterter Anhänger von Drogön Tschögyal Phagpa, seines Zeichens Neffe von Sakya Pandita.
Phagpa erfand eine neue mongolische Schrift, die das Schreiben der mongolischen Sprache ermöglichte.
Kublai Khan selber wurde Buddhist und gab Phagpa de facto die Herrschaft über Tibet. Damit wurde
Phagpa der erste Tibeter, der sowohl religiöse wie auch politische Autorität über das ganze Land
innehielt. Nach dem Ableben von Phagpa (1280) dienten die Sakya Lamas während 75 Jahren,
stellvertretend für die Mongolen, weiterhin als Vizekönige von Tibet. Als der chinesische Kaiser die
Mongolen bezwang, verloren die Sakyapas sowohl machtvolle Beschützer und Schirmherren wie auch
deren politische Autorität an die aufkommenden Phagmo Drupa Kagyü.
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Im frühen 14. Jh. teilte sich die Sakyapa-Linie in vier dynastische Häuser: Zhithog, Rinchen Gang,
Lhakhang und Ducho, wovon jedoch nur die letzte Dynastie überlebt hat. Im fünfzehnten Jahrhundert
hatten die Linienhalter der Ducho-Dynastie vier Söhne: zwei waren ordiniert, die beiden anderen waren
Laien. Aus diesen zwei Laien gingen zwei Unter-Dynastien oder Paläste hervor: der Dölma Phodrang und
der Phuntsok Phodrang. Diese beiden sind bis zum heutigen Tag erhalten, und die Führung der Sakya
Tradition wurde innerhalb dieser beiden Paläste weitergereicht, und zwar alternierend von Generation zu
Generation und je nach dem Stand der Ausbildung. Der gegenwärtige Sakya-Thronhalter, Kyabje Sakya
Trizin, ist Ngawang Kunga Thektschen Rinpotsche. Er entstammt dem Dolma Phodrang, während das
Oberhaupt des Phuntsok Phodrangs Dagtschen Rinpotsche ist.
Da sehr grosses Gewicht auf die bedeutendsten Halter der Sakya-Tradition gelegt wird, sind die
wichtigsten Linienhalter und Gründer der Tradition bekannt als die Fünf Patriarchen der Sakya-Tradition.
Diese sind Satschen Kunga Nyingpo, Sonam Tsemo, Dakpa Gyaltsen, Sakya Pandita und Drogön
Tschögyal Phagpa. Nebst diesen fünf bedeutsamsten Autoren gibt es sechs Gelehrte, die als Tibets
Sechs Ornamente bezeichnet werden: Yagdön Sangye Päl und Rongtön Mawe Sengye waren berühmt
für ihre Kenntnisse der Sutras; Ngortschen Kunga Zangpo und Zongpa Kunga Namgyal waren Gelehrte in
Tantras; Künkhyen Korampa Sonam Sengye und Schakya Tschogden waren gelehrt in Sutra und Tantra.
Das Studium der Sakya-spezifischen philosophischen Gesichtspunkte, der Grundsätze sowie das Studium
von Sutra und Tantra gründen auf den Schriften von Korampa Sonam Sengye.
Wie in anderen Schulen entstanden auch innerhalb der Sakya-Tradition Unterschulen; diese werden als
die drei Schulen der Sakya (Sa-Ngor-Tsar-sum) bezeichnet. Die Ngor Linie ist eine Überlieferung
innerhalb der Lehre über Disziplin und wurde von Ngortschen Kunga Zangpo (1382-1457) und
nachfolgenden Meistern eingeführt. Die Tsar-Linie ist eine Tradition von Tsartschen Losel Gyatso
(1502-56) und beschäftigt sich mit den Dreizehn Goldenen Texten von Tsar; sie schliesst die geheime
Doktrin des weitläufigeren und kleineren Mahakalas, Vajrayogini und andere mit ein. Die Sakya-Schule
ist wie der Stamm, während Ngor und Tsar den Ästen des Baums entsprechen.
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